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Chancen und Herausforderungen

Photo: TeraVector via shutterstock

ÄDIR Ass. Prof. Dr. Köle

Ärztlicher Direktor des LKH-Univ. Klinikum Graz

Univ. Prof. Dr. Rosenkranz

Klinikvorstand Innere Medizin, LKH-Universitätsklinikum Graz, Medizinische Universität Graz

Kaum ein Jahr war so herausfordernd wie das letzte. Krankenhäuser kamen an ihre Belastungsgrenzen und doch wurde die Krise bisher ganz gut durchgestanden.

Inwieweit hat die Pandemie die Digitalisierung der KH vorangetrieben?

Dr. Köle: Bereits in der ersten Welle der Corona-Krise wurde klar ersichtlich, dass das Vorantreiben der Digitalisierung im Krankenhaus-Bereich sehr wichtig sein wird; aber nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch im niedergelassenen Bereich. V. a. um eine noch besser abgestimmte Versorgung zwischen den unterschiedlichen Versorgungsbereichen zu ermöglichen. Gerade in dieser Zeit kam es beispielsweise zu einem großen Schub im Bereich Telekonsilien und in anderen Bereichen der Telemedizin.

Dr. Rosenkranz: Was Besprechungen betrifft, sind wir einen großen Schritt weitergekommen. Ich finde dies einen Fortschritt, weil dies Wege erspart, man Mitarbeitern vor allem im universitären Bereich auch die Möglichkeit des Homeoffice gibt und man trotzdem in einen persönlichen Kontakt treten kann.
Zudem hat sich die Qualität der bildlichen Darstellungen über einen großen Bildschirm dramatisch verbessert im Vergleich zur bisherigen Situation, so zum Beispiel Mikroskopieren.

Wie mussten Versorgungskonzepte neu gedacht werden? Was waren oder sind die größten Herausforderungen?

Dr. Köle: Es gab Unterschiede im Vorgehen zwischen der ersten und der zweiten Welle. In der zweiten Welle stand die Verteilung der COVID-Patienten innerhalb der Spitäler im Vordergrund. Ziel war es, eine optimale Versorgung der COVID-Patienten bei Aufrechterhaltung der „normalen“ medizinischen Leistungen zu gewährleisten. So musste geschaut werden, dass neben der COVID-Behandlung auch andere medizinische Spitzenleistungen und die überregionalen Versorgungsaufgaben möglich sind und auch optimal erfüllt werden können. Das war nur durch eine enge Abstimmung zwischen den Abteilungen und Kliniken innerhalb eines Hauses und durch eine enge Kooperation mit den anderen Spitälern möglich.

Dr. Rosenkranz: Die Telemedizin hat in einigen ambulanten Bereichen ihre Berechtigung. Sie erspart dem Patienten die Fahrt ins Spital, wodurch man mögliche Infektionsquellen vermeiden kann. Dies wird nicht für alle ambulanten Patienten möglich sein, aber es würde eine signifikante Zahl betreffen. Allerdings muss man dafür Sorge tragen, dass hier auch die entsprechenden Arbeitszeiten für Ärzte eingehalten werden können. Wir haben in vielen Bereichen bereits eine deutliche Arbeitsverdichtung, die einerseits dem Arbeitszeitgesetz geschuldet wird, andererseits durch virtuelle Meetings noch verstärkt wird. Hier müssen wir vorsichtig mit den Ressourcen unserer Mitarbeiter umgehen.

Was muss geschehen, damit die Krankenhäuser endlich entlastet werden?

Dr. Köle: Das, was wir deutlich im letzten Jahr gesehen haben, ist, welch große Bedeutung die Krankenhäuser bei der Behandlung von Patienten in Österreich spielen. In Zukunft wird daher eine noch besser abgestimmte Versorgung zwischen den intramuralen und extramuralen Versorgungsstrukturen notwendig sein. Das heißt einfach gesagt, was gehört ins Krankenhaus und was nicht. Einen wichtigen Beitrag wird hierbei auch die Digitalisierung und ein optimiertes Schnittstellenmanagement zwischen den Versorgungsstrukturen liefern.

Dr. Rosenkranz: Wenn ich mir den Bereich der Notfallaufnahmen ansehe, dann muss ich der Wahrheit ins Auge sehen. Die Menschen suchen diese auf, weil sie dort in kurzer Zeit viele Untersuchungen erhalten können. Man kann das als positiven „Überservice“ sehen, jedoch belasten dadurch Bagatellfälle das System. Dies wird man auch in Zukunft nicht verhindern können, im Gegenteil, solange das System so aufgebaut ist, werden diese Fälle eher mehr werden. Daher sollte man gerade diese Bereiche stärken und in Zeiten der Mobilität auch Allgemeinmediziner in die Notfallaufnahmen einbeziehen.

Wie ist die Stimmung auf den Stationen? 

Dr. Rosenkranz: In verschiedenen Bereichen macht sich der Pflegemangel bereits deutlich bemerkbar. Die Pflege hat in den COVID-Bereichen exzellente Mehrarbeit geleistet, die wir nicht genug anerkennen können. Durch die Impfung ist vielleicht psychologisch eine gewisse Entlastung eingetreten, aber die Dauer der Pandemie mit über einem Jahr zehrt an allen Personen im Gesundheitssystem.

Wie gelang die Immunisierung der Mitarbeiter bzw. wurde diese bereits vollzogen?

Dr. Rosenkranz: Hier macht sich die Regionalisierung unseres Gesundheitssystems bemerkbar. Neun Bundesländer, neun Herangehensweisen an die Impfung. Es ist verständlich, dass die Risikopopulationen geimpft werden möchte. Es ist verständlich, dass das exponierte Krankenhauspersonal geimpft werden möchte. Einerseits ist der Schutz des Personals oberstes Gebot, andererseits kann durch eine Impfung der Risikopersonen die Flut an infizierten Patienten und damit eine Überschwemmung des Gesundheitssystems abgeschwächt werden. Es ist eine schwierige Entscheidung.

Welche Erfahrungen möchten Sie Kollegen mitgeben?

Dr. Köle: Neben guter Infrastruktur sind es vor allem die Menschen, die erst eine hochwertige medizinische Versorgung ermöglichen. Betten, selbst Intensivbetten, kann man rasch schaffen, aber das zum Betreiben notwendige Personal kann man nicht bei Bedarf aus dem Hut zaubern. Und darauf werden wir in Zukunft noch mehr achten müssen, dass wir hochkompetentes Personal in ausreichender Menge stets zur Verfügung haben müssen.

Was waren die wichtigsten Learnings? Wo kam es zu den meisten Engpässen?

Dr. Köle: Spitzenmedizin geht nur mit guter Infrastruktur und mit gut ausgebildetem Personal, das auch über lange Zeit und in ausreichenden Maß zur Verfügung steht. Neben COVID dürfen auch nicht die anderen Patienten und Erkrankungen vergessen werden, die ebenfalls rund um die Uhr eine kompetente Versorgung und Behandlung benötigen. Es geht einfach darum, wie wir Spitzenmedizin im Bereich der COVID-Behandlung und in anderen Bereichen gleichzeitig betreiben und damit das Entstehen von „Kollateralschäden“ vermeiden können. Bedanken möchte ich mich hiermit aber vor allem auch beim Personal, das über dieses letzte Jahr hinweg entschieden dazu beigetragen hat, dass wir bis dato eigentlich ganz gut durch diese Krise gekommen sind, denn eines ist ganz klar: Trotz Digitalisierung werden auch in Zukunft Menschen Menschen behandeln.

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